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| Dialogveranstaltung: 

60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen – Lebensleistungen würdigen!

Zur Würdigung der Lebensleistungen der ersten Anwerbegeneration hatte die Landeskoordinierung NRW des Förderprogramms »Integration durch Qualifizierung (IQ)« unter Beteiligung der Staatssekretärin des Bundesarbeitsministeriums, Leonie Gebers und NRW-Integrationsminister Dr. Joachim Stamp sowie in Kooperation mit dem Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI, Essen), dem Ruhr Museum und der Handwerkskammer Dortmund zu einer Dialogveranstaltung am 05.10.2021 in die Kaue der Zeche Hansemann in Dortmund eingeladen.

Gemeinsam mit 70 Gästen, Zeitzeugen, Spitzenvertreterinnen und Spitzenvertretern aus Politik und Wirtschaft sowie Vertretungen der türkischen Gemeinden und Medien stand das Motto »Erinnern. Würdigen. Entwickeln.« mit Blick auf den Arbeitsmarkt im Mittelpunkt der Vorträge und Gespräche.

Um gleichfalls bundesweit ein starkes Signal für Vielfalt, Weltoffenheit und Teilhabe am Arbeitsmarkt in Deutschland zu senden, wurde die Veranstaltung per Livestream ins Netz übertragen.

1961 trat die Vereinbarung zwischen Deutschland und der Türkei in Kraft, welche die Zuwanderung der aus heutiger Sicht ersten türkischen Anwerbegeneration regelte. Das Ziel damals: Die Deckung des Bedarfs an Arbeitskräften in Deutschland, um wirtschaftliches Wachstum zu fördern und das »Wirtschaftswunder« zu realisieren. Von einer dauerhaften Ansiedlung in Deutschland oder gar gesellschaftlicher Integration und Teilhabe war zu dieser Zeit nicht die Rede. Dennoch entschieden sich bis zum Anwerbestopp 1973 knapp 900.000 Menschen, die Türkei zu verlassen, in Deutschland zu arbeiten, Geld zu verdienen und – so die häufigste Absicht – eine schnelle Rückkehr mit dem hart Verdienten anzutreten. Viele blieben dennoch. Trotz schwieriger Arbeitsbedingungen, geringer gesellschaftlicher Akzeptanz und sprachlicher Isolation, haben sie den Neustart gewagt, Familien gegründet und sich in hohem Maße angepasst.

Heute wächst die vierte Generation mit türkischer Einwanderungsgeschichte im Ruhrgebiet, in Nordrhein-Westfalen, in Deutschland auf.

Die Einwanderung ausländischer Fachkräfte hat seither an Bedeutung gewonnen. Laut Aussage des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit, ist pro Jahr eine Zuwanderung von 400.000 Fach- und Arbeitskräften nach Deutschland nötig, um den Bedarf am Arbeitsmarkt zu decken. Das gemeinsame Ziel heute: erfolgreiche Integration, die berufliche Anerkennung und qualifikationsadäquate Beschäftigung. Was zu tun ist, damit dies wertschätzend und nachhaltig gelingt, darüber haben sich die Teilnehmenden am 05. Oktober anlässlich des 60. Jubiläums unter Moderation von Michaela Padberg ausgetauscht.


Zitate der mitwirkenden Akteure:

Leonie Gebers, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales: »Die Frauen und Männer, die ab 1961 aus der Türkei nach Deutschland kamen, haben unsere Wirtschaft und unser Land mitaufgebaut. Sie haben damals ihre Heimat und ihre Familien verlassen, um in einem fremden Land zu arbeiten. Für viele von ihnen wurde das fremde Land zur Heimat. Aus Kolleginnen und Kollegen wurden Freunde, Nachbarn, Mitbürgerinnen und Mitbürger. Unsere Gesellschaft ist durch sie vielfältiger geworden und unsere Wirtschaft stärker. Diese Stärke müssen wir bewahren. Deshalb braucht Deutschland auch in Zukunft qualifizierte Fachkräfte aus anderen Ländern, denen wir hier neue Perspektiven bieten.«

Dr. Joachim Stamp, Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen; Stellvertretender Ministerpräsident: »Die erste Einwanderergeneration hat für unsere Wirtschaft und für unsere Gesellschaft Unverzichtbares geleistet. Die persönlichen Geschichten und die Familiengeschichten zu dieser Generation sind so vielfältig wie unsere Gesellschaft auch. Es gibt nicht die eine Geschichte, die für die verschiedenen Lebenswege der ersten Einwanderergeneration steht. Eins haben die Geschichten aber vielleicht gemeinsam: das Nutzen von Chancen. Chancen, die auch wir als Gesellschaft mit der Einwanderung bekommen haben.«

Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan, Wissenschaftlicher Leiter der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI): »In den letzten 20 Jahren ist enorm viel erreicht worden bei der gesellschaftlichen Teilhabe von Türkeistämmigen: So verzeichnen wir eine deutliche Steigerung der Bildungserfolge im Generationenverlauf und damit verbunden berufliche Aufstiege, aber auch intensive Kontakte in der Freizeit zwischen Einheimischen und Nachfahren der Zugewanderten. Gelassener sollten wir mit der Verbundenheit mit der Türkei umgehen; denn Transnationalität ist kein Skandal, sondern eine Normalität. Entschieden bekämpft werden muss jedoch die Diskriminierung, an der nach wie vor eine sehr hohe Zahl Türkeistämmiger leidet.«

Berthold Schröder, Vize-Präsident Westdeutscher Handwerkskammertag, Präsident Handwerkskammer Dortmund: »Die Menschen, die in den 60er Jahren aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind, waren eine große Unterstützung für unsere Wirtschaft und ein wesentlicher Treiber des Wirtschaftswunders. Die Zuwanderer der ersten Stunde haben viel Mut bewiesen, als sie ihre Heimat verlassen haben, um in ein fremdes Land mit fremder Sprache zu kommen. Dieser mutige Schritt verdient unseren Respekt und unsere Anerkennung. Heute finden wir zahlreiche Erfolgsbiografien im Handwerk von Menschen mit türkischen Wurzeln. Damals wie heute gibt es einen Riesenbedarf an Fachkräften im Handwerk, der an vielen Stellen nicht gedeckt werden kann. Wie die Erfahrung gezeigt hat, kann Zuwanderung hier eine spürbare Entlastung bringen. Daher setzt sich das Handwerk nachdrücklich für die Integration zugewanderter und geflüchteter Menschen ein.«

Jörg Kunkel, Leiter der Abteilung Bildung/Arbeitsmarkt und Diversity, Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie: »Ohne ‚Gastarbeiter‘ wäre das Wirtschaftswunder nicht möglich gewesen. Sehr viel weniger Einigkeit bestand darüber, welchen Stellenwert den Kollegen und Kolleginnen innerhalb der Gesellschaft zukommt. Max Frisch hat es treffend so formuliert: „Wir haben Arbeitskräfte gerufen und es sind Menschen gekommen“. Die Gewerkschaften haben ihren wichtigen Beitrag geleistet, dass sie mittlerweile unstrittig ein gleichberechtigter, wertvoller Teil in den Belegschaften und unserer Gesellschaft sind. Heute stehen wir aufgrund der demografischen Entwicklung vor vergleichbaren Herausforderungen. Nur durch Zuwanderung können wir unseren Wohlstand erhalten. Deshalb ist Ausländerfeindlichkeit bis hin zu Pogromstimmungsmache nicht nur sozial verwerflich, sondern auch schädlich für den Wirtschaftsstandort. Die Ergebnisse der Bundestagswahl erfüllen uns deshalb teilweise mit Sorge.«

Serhat Ulusoy, stv. Bundesvorsitzender und Vorsitzender des Landesverbandes der Türkischen Gemeinde Deutschlands (TGD): »1965 schrieb der deutsche Schriftsteller Max Frisch: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen“. Bei der Würdigung der Lebensleistung von Menschen, die ihre Ursprungsheimat verließen und sich in bzw. mit Deutschland als neue Heimat veränderten, kommt man an diesem historischen Zitat und seiner tiefen Bedeutung nicht vorbei.«

Tamer Ergün Yikici, Geschäftsführer Metropol FM: »Die Migranten sind die Leidtragenden beim Strukturwandel des Arbeitsmarkts. Sie erkennen die sich verändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes gar nicht oder zu spät. Sie lernen Berufe, die aussterben oder bemerken zu spät, dass im Arbeitsmarkt andere Qualifizierungen gefragt werden. Daher sind Informationen wichtig, damit sie ihre Möglichkeiten erkennen, um erfolgreich zu sein.«

Cemile Giousouf, Bundeszentrale für politische Bildung, Fachabteilungsleiterin: »Auch 60 Jahre nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei steht unsere Gesellschaft vor Herausforderungen, um das Versprechen von Sicherheit und einem guten Leben für alle in Deutschland lebenden Menschen möglich zu machen. Rassistische Vorfälle sind für viele ehemalige „Gastarbeiter“ und ihre Nachfahren traurige Realität, sie schaden aber auch der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes. Sie verhindern, dass Deutschland all seine Potenziale entfaltet und bezüglich der Attraktivität für benötigte Fachkräfte sind sie ein klarer Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Staaten.«

Stefanie Grebe, Kuratorin Ruhr Museum: »Durch unsere Fotografie-Ausstellung ‚Wir sind von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990. Fotografien von Ergun Çağatay‘ im Ruhr Museum auf dem Welterbe Zollverein erleben wir, wie wichtig es ist, Sichtbarkeit für die Geschichte der Eingewanderten zu schaffen. Die Einträge im Besucherbuch (auf deutsch und türkisch) sind sehr emotional und zeugen von Stolz auf Eltern- und Großelterngeneration.«


Mit Videobotschaften würdigten neun Akteure und Akteurinnen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Leistung von Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Die Videobotschaften sind unter folgendem Link abrufbar: https://youtube.com/playlist?list=PLDgVx0y53QdM7523ilqDNcvnKYu9ZNGFy

Träger der Landeskoordinierung IQ in NRW, die zu der Veranstaltung eingeladen hatte, ist der Westdeutsche Handwerkskammertag in Düsseldorf. Das Förderprogramm IQ wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Partner in der Umsetzung sind das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Bundesagentur für Arbeit (BA).

Fotomaterial zur Veranstaltung ist zu finden unter https://www.whkt.de/owncloud/index.php/s/7bj5U4GcP1IM93V.