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Andreas Ehlert, Schornsteinfegermeister, 1995 Bezirksschornsteinfegermeister des Bezirks Nr. 04 der Landeshauptstadt Düsseldorf, seit 1970 im kirchlichen Ehrenamt aktiv (bis 2011), seit 1983 im handwerklichen Ehrenamt, 2009 Wahl zum Landesinnungsmeister des Fachverbands des Schornsteinfegerhandwerks NRW (bis 2014), 2010 Wahl zum Präsidenten des Unternehmerverbandes Handwerk NRW (LFH) (bis 2014), seit 2011 Mitglied des Vorstands der Handwerkskammer Düsseldorf, 2014 Wahl zum Präsidenten der Handwerkskammer Düsseldorf, 2014 Wahl zum Präsidenten von Handwerk.NRW

Mit zunehmender Verantwortung

Andreas Ehlert, Schornsteinfegermeister, seit 1983 im handwerklichen Ehrenamt aktiv, 2014 Wahl zum Präsidenten von Handwerk.NRW

Herr Ehlert, Ihre Anfänge im Ehrenamt lagen …

Andreas Ehlert: »…nicht im Handwerk. Zum Handwerk bin ich erst später gekommen. Die Ursprünge meines ehrenamtlichen Engagements liegen in der katholischen Jugendarbeit. Ich war selbst noch ein Jugendlicher, als unsere Gemeinde einen jungen Pastor erhielt, der unglaublich charismatisch war. Das war jemand, der was bewegen, der die Dinge nach vorne treiben wollte. Einer, der uns begeisterte. Und der uns alle mitriss damals!

Eine Erfahrung, für die ich bis heute unendlich dankbar bin. Denn ich glaube, dass es im Leben junger Menschen immer nur kleine Zeitfenster gibt, in denen man sie für etwas begeistern kann. In manchen Fällen dann sogar für ein Leben lang. Und in dem Zusammenhang spielen Persönlichkeiten, die sich für eine Sache engagieren, spielen Vorbilder eine enorm wichtige Rolle. Das war hier der Fall und so habe ich dann innerhalb meiner Kirchengemeinde meine erste »Karriere« gemacht: zuerst als Messdiener, dann als Jugendleiter, später dann viele Jahre als Kirchenvorstand.«

Und Ihr Weg ins handwerkliche Ehrenamt ergab sich … 

»…durch meine Berufswahl. Nach Abschluss der Realschule entschied ich mich für eine Ausbildung zum Schornsteinfeger. Der Beruf hat in meiner Familie lange Tradition. Schon mein Großvater sowie auch mein Vater waren Schornsteinfegermeister. Das, was ich da mitbekam, gefiel mir. Also machte ich erst meinen Gesellen, dann meinen Meister. Danach habe ich circa ein Jahrzehnt lang als angestellter Schornsteinfegermeister gearbeitet. So lange, bis ich einen eigenen Kehrbezirk erhielt.
Was das handwerkliche Ehrenamt angeht, so habe ich schon früh begonnen, mich bei den Schornsteinfegern ehrenamtlich zu engagieren. Und zwar auf der Arbeitnehmerseite. Obwohl ich damals schon Schornsteinfegermeister war. Das ist im Schornsteinfeger-Handwerk, anders als in vielen anderen Gewerken, gar nicht so selten. Erst später dann bin ich auf die Arbeitgeberseite gewechselt und habe mich zuerst in meiner Düsseldorfer Innung in Prüfungsausschüssen und als Lehrlingswart engagiert. Das ist vielleicht das schönste Ehrenamt überhaupt, weil man da unmittelbar mit den jungen Leuten arbeitet und deren Entwicklung mitbekommt. Aus meiner Tätigkeit innerhalb der Innung ergaben sich dann später auch darauf aufbauende Funktionen im Landes- und Bundesinnungsverband.

Dieser Wechsel der Perspektive hat mir gezeigt, dass man sich an den verschiedensten Stellen ehrenamtlich einbringen kann. Und dass es nicht nur lohnt, sondern dass es auch notwendig ist, sich für seine Interessen selbst einzubringen. Denn ein anderer wird es für einen nicht tun.«

Die Handwerksorganisation wird traditionell von zwei Säulen getragen: dem Ehrenamt und dem Hauptamt. Die Funktionsträger im Hauptamt haben den großen Vorteil, dass sie sich mit ihren ganzen Kräften und zudem kontinuierlich mit den vielen verschiedenen Sachthemen beschäftigen können. Wäre es angesichts dessen nicht ein großer Vorteil, die Entscheidungen alleine vom Hauptamt treffen zu lassen?

»Eindeutig NEIN. Das Handwerk hat von dem Jahrhunderte alten Dualismus von Haupt- und Ehrenamt unterm Strich immer profitiert. Es stimmt: Das Handwerk, die Handwerksorganisation, ist auf den Sachverstand des Hauptamtes angewiesen. Unsere Welt wird immer komplexer, die Zahl der Regulierungen nimmt immer mehr zu, die Einzelheiten erschließen sich häufig nur noch dem Fachmann. Dementsprechend finden sich unter den Funktionsträgern des Hauptamtes auch häufig Juristen und Absolventen der Wirtschaftswissenschaften. Deren Sachverstand brauchen wir. Aber mindestens genauso unverzichtbar ist das Ehrenamt. Anders kann ich mir eine lebendige und funktionierende Handwerksorganisation gar nicht vorstellen. Denn nur über das Ehrenamt binden wir unsere Organisation immer wieder aufs Neue an die Erfahrungen und die Erfordernisse des Wettbewerbs und des Marktes. Wie ja auch schon unsere Ausbildung unter realen Marktbedingungen, sprich den konkreten Anforderungen eines tatsächlichen Kunden, stattfindet und sich hierdurch permanent weiterentwickelt, so ist auch für die Organisation der unmittelbare Bezug zur Praxis lebensnotwendig.

Und ich möchte allen meinen Kollegen, nicht zuletzt denjenigen in unseren Prüfungsausschüssen, ganz stark dafür danken, dass über sie das Know-how, aber auch die tagtäglichen Herausforderungen der Praxis in die Handwerksorganisation einfließen. Und nicht zu vergessen: Wir brauchen die sich ehrenamtlich einbringenden Kollegen – und zwar sowohl die Arbeitgeber wie auch die Arbeitnehmer – zwingend als unsere »Feuermelder«! Anders könnten wir als Handwerksorganisation überhaupt nicht erfolgreich sein. Denn eben über genau diese Praktiker erfahren wir, wenn und wo »es brennt«. Ganz abgesehen davon, dass wir Ehrenamtler gemeinsam mit dem Hauptamt Entscheidungen nicht nur zu verantworten haben, sondern im Gegensatz zu diesem auch zu bezahlen haben. Das sensibilisiert ganz ungeheuer, kann ich nur sagen.«

»Es liegt ganz wesentlich an uns, jungen Kollegen gegenüber deutlich zu machen, dass wir sie als einen wertvollen Teil unserer Handwerksorganisation ansehen.«

Andreas Ehlert

Unsere Gesellschaft wird immer heterogener. Frühere Bindungen lösen sich zunehmend auf. Zwar engagieren sich immer noch viele Menschen, aber häufig nur noch für ein bestimmtes Projekt und auf Zeit. Viele Institutionen und Organisationen klagen über Nachwuchssorgen. Ein Thema auch für das Handwerk?

»Ja. Unbedingt. Das Handwerk agiert nicht auf einem fernen Planeten, sondern mitten in dieser Gesellschaft und ist Teil dieser Gesellschaft. Und natürlich spüren auch wir, dass Ehrenamtskarrieren im Handwerk, die sich bei den vorangegangenen Generationen häufig über Jahrzehnte erstreckten, heutzutage alles andere als selbstverständlich sind.

Umso mehr Grund für uns, sich um unseren potentiellen Nachwuchs verstärkt zu bemühen. Und dabei die bereits erwähnten »schmalen Zeitfenster« zu beachten. Wichtig ist, die Interessenten möglichst früh in die Handwerksorganisation zu integrieren. Dabei spielen unter anderem die Handwerksjunioren eine ganz maßgebliche Rolle, allein schon altersbedingt.

Aber auch mich selbst und meine Präsidentenkollegen sehe ich hier in einer ganz besonderen Verantwortung. Es liegt ganz wesentlich an uns, jungen Kollegen gegenüber deutlich zu machen, dass wir sie als einen wertvollen Teil unserer Handwerksorganisation ansehen. Und dass wir sie auch wirklich integrieren wollen, was auch verbunden sein muss mit wirklicher Teilhabe, mit »abgeben können«. Denn Ehrenamt meint für mich, besonders wenn es sich um Spitzenämter handelt, immer auch: »Einfluss auf Zeit!« Ein Gedanke, den man sich immer wieder vergegenwärtigen sollte.«

Was bedeuten Ihnen Ihr Ehrenamt beziehungsweise Ihre Ehren­ämter ganz persönlich? Welche Rolle spielt es für Ihr Leben?

»Allein schon durch seine Dauer von jetzt immerhin schon bald vier Jahrzehnten ist die ehrenamtliche Betätigung ein wichtiger Teil meines Lebens. Wie überall gibt es auch hier Negatives wie Positives. Aber das Positive überwiegt zu ganz großen Teilen. Zugegeben: Je höher man auf der »Ehrenamtsleiter« klettert, umso mehr Pflichten sieht man sich auch gegenüber. Damit lässt sich jedoch ganz gut umgehen. Gravierender spürt man die mit den verschiedenen Funktionen verbundene Verantwortung: Personalentscheidungen oder auch materielle Entscheidungen in Millionenhöhe, beispielsweise bei Gebäuderenovierungen, zu treffen und für diese gerade zu stehen, das ist dann nochmal eine andere Sache.

Aber auch das ändert nichts daran, dass ein großer Teil des eigenen ehrenamtlichen Agierens echte Freude mit sich bringt. Und das Gefühl, sich für eine sinnvolle Sache beziehungsweise für Andere zu engagieren und hierfür Dank und Anerkennung zu erfahren, das ist ein Glücksgefühl ganz eigener Art.«

Wenn Betriebe und Ehrenamt Pause haben, …

»… bin ich an meiner »Quelle«. Das ist meine Familie. Hier bin ich kein Präsident, sondern nur eins von mehreren Familienmitgliedern. Hier erfahre ich oft Rücken-, ab und an auch mal Gegenwind. Das ist bei uns vermutlich nicht anders als in jeder anderen Familie auch. Das lädt die Akkus wieder auf. Ohne das ginge es nicht.«

Und wenn neben Unternehmen, Ehrenamt und Familie Zeit bleibt …

»…kehre ich gern zu meinen Hobbys zurück: vorzugsweise Sport, Kunst und Kultur.«

 

Produktionsdatum: 11/2017 | Interview: Dr. Werner Mayer, Handwerkskammer Düsseldorf | Foto: Handwerkskammer Düsseldorf