Zum Hauptinhalt springen

Ehrenamt im Wandel

Lena Strothmann, Damenschneidermeisterin und Modedesignerin, 1983 selbstständig mit eigenem Modeatelier, Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld

Leidenschaft für das Handwerk

Lena Strothmann: »Die Leidenschaft für das Nähen habe ich bereits als Kind entdeckt und nach der Schule eine Ausbildung als Damenschneiderin absolviert. Gereizt hat mich besonders die Nähe zu Menschen, denen ich durch die eigene Arbeit ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Besonders spannend fand ich auch die Kombination aus Handarbeit und Kopfarbeit. Produktionsschritte müssen geplant, individuelle Kundenwünsche berücksichtigt werden. Da im Handwerk immer auch unvorhergesehene Situationen eintreten können, wird es nie langweilig. Für das anschließende Modedesign-Studium war meine Lehre die perfekte Grundlage. Als ich mich später mit meinem Modeatelier selbstständig gemacht habe, war es ein großer Schritt, auch Verantwortung für ein Unternehmen mit Mitarbeitern zu tragen. Das hat mich für meine weiteren Aufgaben im Ehrenamt und in der Politik sehr geprägt.«

Vom Beruf ins Ehrenamt

»Neben der Arbeit im Betrieb war es für mich wichtig, mich im handwerklichen Ehrenamt einzubringen, unter anderem in der Innung und in der Handwerkskammer. Die Zeit, die ich dort investiert habe, war eine Zeit, in der ich viel gelernt habe. Ich finde es gut, dass Haupt- und Ehrenamt in der handwerklichen Selbstverwaltung sinnvoll und gewinnbringend miteinander verknüpft werden. Durch die ehrenamtliche Arbeit der Vollversammlung gelingt es dem Handwerk, seine Selbstverwaltung als festen Bestandteil der Sozialordnung zu etablieren.«

»Ehrenamt ist für mich keine Frage der Zeit, sondern der Einstellung.«

Lena Strothmann

Lena Strothmann, Damenschneidermeisterin und Modedesignerin | 1983 selbstständig mit eigenem Modeatelier, 1993 Geschäftsführerin der Firma Kleegräfe und Strothmann »Die Maßschneider«, 1998 Präsidentin der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld , 2003–2017 Bundestagsabgeordnete, 2005 Mitglied im Präsidium des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), bis 2014 Leitung des Planungsausschusses Europa, bis 2016 Leitung des Planungsausschusses Organisation und Recht, 2015 Bundesverdienstkreuz am Bande überreicht von Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert

Ehrenamt im Handwerk

»Handwerker – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – sind geprägt von einem eigenen Ethos und einem eigenen Lebensstil, zu dem ich auch besonders ehrenamtliches Engagement rechne. Ohne das Ehrenamt könnten die Organisationen des Handwerks und insbesondere das Prüfungswesen nicht bestehen. Die ehrenamtlich tätigen Arbeitnehmer im Handwerk leisten im Schnitt 26 Stunden pro Monat für unser Gemeinwesen. Das sind neun Stunden mehr, als es bei den Ehrenamtlichen insgesamt der Fall ist. Darüber hinaus engagieren sich handwerklich Ehrenamtliche vielfach in gesellschaftlichen Bereichen wie Kirchen, Brauchtumsvereinen, Sportvereinen oder der Feuerwehr.« 

Ehrenamt im Prüfungswesen

»Das Prüfungswesen wäre ohne das Ehrenamt kaum durchführbar. Die 374 ehrenamtlichen Prüferinnen und Prüfer in 58 Prüfberufen und 83 Gesellen-, Abschluss- und Umschulungsausschüssen in Ostwestfalen-Lippe leisten hier ganze Arbeit. Das muss allen entgegengehalten werden, die das Kammerwesen kritisieren. Ein vom Staat gesteuertes Prüfungswesen wäre nicht nur teurer, sondern auch handwerksfern. Der Zeitaufwand pro Prüfer in den Meisterprüfungsausschüssen beträgt bis zu 100 Stunden im Jahr. Diese Zahlen machen Mut und beweisen, dass das Fundament für viele gut ausgebildete Gesellinnen und Gesellen sowie Meisterinnen und Meister auf dem ehrenamtlichen Prüfungswesen beruht.«

Zur Zukunft des Ehrenamts

»Um der Bedeutung des Ehrenamts gerecht zu werden, muss der Gesetzgeber weiterhin für mehr Rechtssicherheit sorgen und darf ehrenamtliche Aktivitäten nicht durch steuerliche Belastungen erschweren. Ehrenamtliche müssen auch mit Aus- und Weiterbildungsangeboten kontinuierlich gefördert werden. Wichtig ist, dass ehrenamtlich Tätige zum einen den Sinn ihrer Arbeit für sich selbst und zum anderen die Bedeutung für die Gesellschaft erkennen. Wenn das gelingt, bin ich mir sicher, dass es auch in Zukunft ehrenamtliches Engagement auf allen Ebenen des Handwerks, wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch, geben wird.«

Gesellschaftlicher Wandel und Ehrenamt

»Im Kontext der Work-Life-Balance muss im Spannungsfeld von Beruf und Familie ein Platz für das Übernehmen von ehrenamtlichen Aufgaben gefunden werden. Ich denke, dass sich das Ehrenamt durch den gesellschaftlichen Wandel in Zukunft verändern wird und infolgedessen auch neu gedacht werden muss. Dass jemand 30 Jahre lang abends die Türen der heimischen Kirche abschließt, wird seltener werden. Junge Nachwuchs-Ehrenamtler arbeiten anders. Sie stürzen sich in ein Projekt und wollen schnelle, wirkungsvolle Erträge ihres Engagements sehen. Darauf müssen sich Organisationen einlassen, indem sie sich der Denkweise junger Leute anpassen und Projekte schaffen, an denen sie mit Freude arbeiten, weil sie Ergebnisse sehen und eine Wirkung spüren, die mit ihrer eigenen Lebenswelt zu tun hat.«

Glück besteht für mich darin

»Die einfachen Dinge des Lebens mit meinen Lieben genießen zu können.«

Der schönste Platz Bielefelds

»Mein Büro mit Blick über Bielefeld hin zur Sparrenburg.« 

Zum Thema Urlaub

»Sommer, Sonne, Kultur, leckeres Essen, ein guter Wein und ein gutes Buch sorgen bei mir für einen perfekten Urlaub.«

Lieblingsfarbe

»Das Leben ist viel zu bunt, um sich auf eine Farbe festzulegen. Meine Lieblingsfarbe wechselt ständig.«

 

Produktionsdatum: 11/2017 | Interview: Andreas Kröling | Foto: deteringdesign