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Wenn’s brennt

Willy Hesse, Dachdeckermeister aus Arnsberg, Inhaber und Geschäftsführer der Firma Willy Hesse GmbH, seit 1999 Präsident der Handwerkskammer Südwestfalen

Willy Hesse, Dachdeckermeister aus Arnsberg, Inhaber und Geschäftsführer der Firma Willy Hesse GmbH in 2. Generation; Ehrenamt: Gesellenprüfungsausschuss, Obermeister, seit 1999 Präsident der Handwerkskammer Südwestfalen, 2010–2016 Präsident des Westdeutschen Handwerkskammertages, Aufsichtsrat der Dachdecker-Einkaufsgenossenschaft, Löschzugführer bei der Freiwilligen Feuerwehr Arnsberg

Herr Hesse, das Ehrenamt füllt einen erheblichen Teil Ihres Lebenslaufs. Für das Handwerk und die Feuerwehr sind Sie aktiv. Kammerpräsident und Löschzugführer, so Ihre offiziellen Titel. Darüber hinaus haben Sie zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen erhalten. Wie kam es dazu? Wie fing alles an und vor allem warum?

Willy Hesse: »Ich bin als junger Mann gefragt worden, ganz simpel. Bereits in der Ausbildung. Unser damaliger Lehrlingswart der Dachdecker-Innung hatte mich angesprochen, ob ich nach meiner Lehre im Gesellenprüfungsausschuss mitmachen wolle. Warum er mich gefragt hat? Ich denke, weil ich meinen Beruf gerne mache. Und wenn man etwas gerne macht, macht man es gut, möchte mehr darüber erfahren, mehr können und auch mehr erleben. Zusätzlich hat mich interessiert, was dahinter steckt, hinter dem Dachdeckerberuf. Die Kammerorganisation und das Ausbildungssystem zum Beispiel. Ich wollte Dächer bauen und reparieren, aber auch daran mitwirken, dass das Dachdeckerhandwerk und das duale Ausbildungssystem Fortschritte macht. Die beste Chance dafür, mitzureden und mitzuentscheiden: das Ehrenamt.

Was die Ehrungen anbetrifft, so sind es schöne Anerkennungen für das, was Freiwillige leisten. Ob zum Beispiel in den Vereinen oder auch in den Hilfs- oder Rettungsorganisationen – ohne dieses Engagement würde uns allen eine Menge verloren gehen. Eine Wertschätzung in Form einer Auszeichnung ist daher eine schöne persönliche Würdigung. Viel wichtiger ist allerdings, dass wegen der Ehrungen immer auch die Öffentlichkeit erfährt, was Ehrenamtliche leisten. Darin sehe ich den eigentlichen Wert.«

Worin liegt der Wert, der Erfolg des Ehrenamts?

»Das Ehrenamt sorgt für Stabilität und Sicherheit in der Gesellschaft insgesamt. Junge Menschen, die früh am Vereinsleben teilhaben, ob nun im Sport, bei der Feuerwehr oder anderswo, erleben den Wert von Gemeinschaft und Miteinander. Sie erfahren Verlässlichkeit und Verantwortung, entwickeln Vertrauen und lernen, Konflikte gemeinsam zu lösen. In der Jugendarbeit unserer Vereine steckt damit weit mehr, als die jeweilige Satzung hergibt. Es geht um die Entwicklung von Persönlichkeiten, es geht um soziale Kompetenzen. Werte, die den Charakter einer Gesellschaft prägen und diese lebenswert machen.«

Wie passen Handwerk und klassische Vereinsaktivitäten zusammen?

»Aus meiner Sicht hervorragend. Für das Handwerk wünsche ich mir allerdings, dass wir noch wesentlich intensiver als bisher die Leistungen unserer Vereine würdigen und die Ehrenamtlichen unterstützen. Wir können beispielsweise Kooperationen zwischen Handwerksorganisationen und Vereinen bilden, Handwerksbetriebe und Bildungszentren einbeziehen, Austausche zwischen jungen Menschen in den Vereinen und Auszubildenden im Handwerk organisieren und auf diese Weise ein ehrliches Bild davon vermitteln, was Handwerk ist und bietet. Damit hätten die Vereine einen Mehrwert für ihre jungen Mitglieder und das Handwerk würde motivierte junge Menschen für sich interessieren können. Auf diese Weise haben alle was davon und für einige springt am Ende noch ein passender Ausbildungsplatz heraus.«

Mit vollem Herzen sind Sie, Ihre Söhne und bereits Ihre Enkel bei der freiwilligen Feuerwehr in Arnsberg aktiv. Woher kommt diese Bereitschaft? Warum bringt man sich freiwillig für andere in Gefahr und opfert eine Menge kostbarer Zeit?

»Bei meinen Söhnen und meinen Enkeln war es wohl der persönliche Kontakt zur Feuerwehr von Kind an. Es gab kaum eine Übung oder ein Feuerwehrfest, an dem nicht auch meine Familie beteiligt war. Nur so funktioniert das Ehrenamt. Daher sollten gerade auch die jeweiligen Partnerinnen und Partner von Ehrenamtlichen mit Auszeichnungen bedacht werden. Meine Frau saß zum Beispiel gerade auch an Heiligabend und zu Silvester regelmäßig mit meinen Söhnen alleine zu Haus. Nicht immer angenehm. Gerade für junge Familien. Ohne den Rückhalt und die Unterstützung der Familien würden wir sonst wohl kaum einen Löschzug zusammenbekommen. Unsere Familien ziehen aber zum Glück mit und geben uns bei der freiwilligen Feuerwehr die nötige Flexibilität. Nur so können wir bei Alarm alles stehen und liegen lassen und uns zu 100 % auf den Einsatz konzentrieren. Wann man zurückkommt, ist meist ungewiss. Wie ich selbst zur Feuerwehr gekommen bin? Ein persönliches Schicksal. Als junger Mann war ich dabei, wie es in der Nachbarschaft gebrannt hat. Ich stand einfach da. Wie alle anderen auch. Erst die Feuerwehr hat dafür gesorgt, dass die Menschen gerettet werden konnten und der Brand gelöscht wurde. Das sollte mir nicht mehr passieren. Ich ging zur freiwilligen Feuerwehr und lernte, wie man professionell in Gefahrensituationen reagiert, Menschen rettet und Panik vermeidet. Ein beruhigendes Gefühl, zu wissen, dass man in Notsituationen nicht gleich die Nerven verliert, sondern anderen helfen kann. Hierfür sind neben der Ausbildung vor allem viel Erfahrung und unzählige Einsätze notwendig.

Seit über 50 Jahren bin ich jetzt Feuerwehrmann. Und ich kann sagen, bis heute war kein Einsatz gleich und bis heute lerne ich mit jedem Einsatz hinzu. Das Wichtigste aber ist, dass man wachsam bleibt, sich und andere nicht leichtfertig in Gefahr bringt und, das steht für mich an allererster Stelle, sich blind auf seine Feuerwehrkameraden verlassen kann. Ein gutes Gefühl. Eine Menge Verantwortung zwar, aber es lohnt sich. Für die Menschen, die Kameraden und dafür, dass man viel über sich selbst erfährt.«

»Und wenn man etwas gerne macht, macht man es gut.«

Willy Hesse

 

Als Präsident der Handwerkskammer Südwestfalen haben Sie gleichfalls zahlreiche Einsätze hinter sich. Mit welchen Herausforderungen haben Sie es hier zu tun?

»Von vielen Handwerkerinnen und Handwerkern werde ich gerade dann angesprochen, wenn es brennt. Allen kann ich selbstverständlich nicht helfen und deren Probleme lösen. Was ich aber kann, und hier sehe ich eine starke und wichtige Aufgabe der Ehrenamtlichen im Handwerk, ich kann mir die Schwierigkeiten auf Augenhöhe anhören, einen Überblick verschaffen, mir Zeit nehmen und als jemand aus der betrieblichen Praxis Empfehlungen geben. Meist ist dann der nächste Schritt, dass ich die Ratsuchenden mit Experten aus der Kammer oder Innung zusammenbringe, Kontakte vermittle oder auch selbst versuche, mich auf kommunaler oder landespolitischer Ebene für Lösungen einzusetzen. Vor allem, wenn es um Probleme geht, die eher struktureller Natur sind, von denen nicht nur einzelne Betriebe oder Handwerker betroffen sind, sehe ich mich selbst auch direkt gefordert. Themenbeispiele sind hier etwa der Fachkräftemangel, der digitale Breitbandausbau, Handwerk 4.0, die Themen Betriebsübergabe und Gründung oder auch die Integration von Fachkräften ausländischer Herkunft, um nur einige zu nennen. Bereiche, die ein einzelner Betrieb kaum selbst bewältigen kann. Hier liegt die Verantwortung auch bei der haupt- und ehrenamtlichen Vertretung des Handwerks, sich einzusetzen, zu unterstützen und zwischen Politik, Wirtschaft und Verwaltung zu vermitteln. So funktioniert Mittelstand, Ehrenamt und Fortschritt im Handwerk.«

Und was braucht man für diesen Fortschritt als Kammerpräsident?

»Das Rezept für einen guten Kammerpräsidenten kenne ich nicht. Ich kann nur sagen, mit welchen Zutaten ich bislang bei den meisten Einsätzen gut gefahren bin: Geduld, Besonnenheit, Menschenkenntnis und Kompromissbereitschaft. Auch im Ehrenamt kann man nicht erwarten, dass einem alle zustimmen oder alles gleich klappt, nur weil man sich freiwillig kümmert und etwas unentgeltlich macht. Gerade hier geht es darum, andere von dem zu überzeugen, was einem persönlich am Herzen liegt. Und das geht nur, wenn man bereit ist, andere zu beteiligen und gemeinschaftlich nach Lösungen zu suchen. Wer das verinnerlicht, stellt fest, wie viel sich durch ein soziales Miteinander auch in wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen bewegen lässt. Damit uns diese gesellschaftliche Grundlage nicht verloren geht, ist, wie bereits erwähnt, die Jugendarbeit in unseren Vereinen so enorm wichtig. Hier schließt sich der Kreis, hier bildet sich das Ehrenamt von morgen.«

Worauf sollte man bei der Nachwuchsarbeit im Ehrenamt achten?

»Ich denke, dass vor allem die sozialen Medien hier viel verändert haben. Das Miteinander findet heute online statt. Die »Philosophie Vereinsheim« wird von der Jugend nur noch bedingt gelebt. Darauf sollten wir in den Vereinen und im Handwerk gemeinsam reagieren und Angebote entwickeln, die zum einen dem Zeitgeist und dem heutigen Miteinander entsprechen und zum anderen die Werte transportieren, die uns in den Vereinen, im Handwerk und im Ehrenamt wichtig sind. Wie das geht? Indem man es macht. Nur so kann man es erleben. Das Ehrenamt.«

 

Produktionsdatum: 11/2017 | Foto: WHKT