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Afrika

»Herr Balsam ist weg – in Burkina Faso, Westafrika, noch drei Tage …«,

Fred Balsam: Kölner, Kfz-Elektriker, Vizepräsident der Handwerkskammer zu Köln (1990–2015), FC-Fan, Wales-Liebhaber, Familienvater und in der ganzen Welt in Sachen duales Ausbildungssystem und Handwerk unterwegs und geschätzt.

Herr Balsam ist weg – in Burkina Faso, Westafrika, noch drei Tage …«, so die freundliche Stimme von Frau Folkerts am anderen Ende des Telefons. Sie ist Mitarbeiterin der Handwerkskammer zu Köln und wer einen Termin bei Fred Balsam wünscht, muss zunächst Frau Folkerts überzeugen. Mit Erfahrung und Fingerspitzengefühl koordiniert sie seine ehrenamtlichen Einsätze für das Handwerk und sorgt dafür, dass zwischen Berlin, Brüssel, Irland, England, Afrika, USA und Japan der Heimathafen Köln nicht zu kurz kommt.

Fred Balsam ist Kfz-Elektriker und seit 1990 Arbeitnehmer-Vizepräsident der Hand­­werkskammer zu Köln. Sein Kernthema ist das duale Bildungssystem. Hierfür ist er als Botschafter weltweit unterwegs und grenzenlos gefragt. Warum und was es bringt, ehrensache hat nachgehört.

Der Weg zum Vize

»Nach der Kfz-Ausbildung war ich zunächst bei der Bundeswehr – stationiert in Wales. Dort habe ich meine Frau kennen gelernt, geheiratet und nach dem Wehrdienst als Rohrschlosser für eine Ölraffinerie gearbeitet. Nichts Rosiges, aber im Kfz-Bereich gab es in Süd-Wales keine Stellen. Das ging etwa ein Jahr, war sehr hart und ich war der einzige Deutsche unter 5.000 Iren, Schotten, Walisern und Engländern. Meine Frau und ich entschieden uns dann nach Köln umzusiedeln, der besseren Berufschancen wegen.

Mit Glück und wenig spektakulär habe ich in meinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb eine Anstellung als Geselle bekommen. Etwa zur selben Zeit wurde ich Gewerkschaftsmitglied und fing an, mich im Betriebsrat zu engagieren. Zuerst nur ab und zu, nach und nach wurde dann aber mehr daraus. Und da ich wegen meiner Zeit in Wales ein passables Englisch sprach, wurde ich häufig von der Gewerkschaft und von staatlichen Stellen gebeten, internationale Wirtschaftsdelegationen in Köln zu begleiten und ihnen das duale Bildungssystem vorzustellen. Der Rest hat sich dann so entwickelt. 1984 wurde ich bei Fleischhauer Betriebsratsvorsitzender, 1985 die Wahl in den Vorstand der Handwerkskammer in Köln und 1990 trat ich das Amt des Arbeitnehmer-Vizepräsidenten an.


 »Wenn man etwas Gutes hat, sollte man es nicht nur bewahren, sondern auch dafür sorgen, dass es gut bleibt. Aus meiner Sicht sind wir das der nächsten Generation schuldig. Wenn nicht WIR für vernünftige Ausbildungsbedingungen sorgen und jungen Menschen eine Basis für ein selbstbestimmtes Leben bieten, WER soll es sonst tun?«

Fred Balsam

International

»Dass ich weltweit unterwegs sein kann und als Botschafter für unser duales Bildungssystem auftrete, ist für mich eine Ehre. Ich möchte etwas von dem zurückgeben, was ich selbst in meinem Leben erlernen und erfahren durfte. Nur an wenigen Orten der Welt hat man als junger Mensch ohne den nötigen familiären Hintergrund die Chance, einen Beruf von der Pike auf zu lernen und Geselle und Meister und damit Führungskraft zu werden.

Der Erfolg unseres betrieblichen Bildungssystems hat vor allem mit der hohen Ausbildungsverantwortung der Betriebe zu tun. Die Tradition, dass Auszubildende ihren Beruf in der Praxis lernen, angeleitet von erfahrenen Gesellen und Meistern, die ihr Handwerk verstehen und ihr berufliches Wissen und Können gerne teilen und weitergeben, ist tief im Handwerk verwurzelt. Man kann von einer Kultur betrieblicher Ausbildungsverantwortung sprechen, die sich nur schwer und langfristig auf andere Länder übertragen lässt. Egal, wo ich auf der Welt Betrieben erzähle, sie sollen junge Menschen ausbilden, diese drei Jahre qualifizieren und ihnen obendrauf noch eine Vergütung bezahlen, ernte ich fragende Gesichter. Aber genau darum geht es, genau hier liegt das Geheimnis: Lernen, Weiterlernen und das Gelernte teilen.

Leider vergessen auch in Deutschland immer mehr Chefs, dass sie selbst einmal Lehrling waren und heute nicht dort wären wo sie sind, wenn nicht andere bereitwillig ihr Wissen an sie vermittelt hätten.«

»Als ehrenamtlicher Vertreter der Arbeitnehmerschaft …

werde ich dennoch nicht müde, mich für unser Ausbildungssystem einzusetzen, es weiter auszubauen und immer auch dem technologischen, ökologischen und gesellschaftlichen Fortschritt anzupassen.

Wenn man etwas Gutes hat, sollte man es nicht nur bewahren, sondern auch dafür sorgen, dass es gut bleibt. Aus meiner Sicht sind wir das der nächsten Generation schuldig. Wenn nicht WIR für vernünftige Ausbildungsbedingungen sorgen und jungen Menschen eine Basis für ein selbstbestimmtes Leben bieten, WER soll es sonst tun?«

 

Das Ehrenamt und wie es wirkt

»Ob bei der EU in Brüssel oder als Projektpartner in Burkina Faso, Mali, Uganda oder Palästina, was am meisten wirkt, ist meine kölsche Mentalität, meine hemmungslose Ehrlichkeit und mein Respekt vor allen, die etwas erreichen wollen und diejenigen achten, die in zweiter Reihe stehen. Sie sind es, denen meine Stimme und meine Überzeugung als Arbeitnehmer-Vizepräsident und als Fred Balsam gehört. Wenn man so will, bin ich es denjenigen schuldig, die mich genau das in jungen Jahren gelehrt und die mich zum Vizepräsident gewählt haben. Dafür bin ich dankbar und empfinde es als Ehre.«

 

Produktionsdatum: 03/2014 | Fotos: WHKT