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»… und sorgen durch ‚Reibungen‘ für einen positiven Ausgleich.«

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) über die Bedeutung ehrenamtlicher Arbeitnehmerbeteiligung

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser: aufgewachsen in Grevenbroich, wo er mit der Ausbildung im Bäckerhandwerk seine Berufslaufbahn begann. Danach ging es auf dem zweiten Bildungsweg zum Abitur. Weitere Stationen: über die TU Braunschweig an die Universität zu Köln, nach dem Abschluss zum Diplom-Kaufmann 1989 wissenschaftlicher Mitarbeiter und später stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts für Berufsbildung im Handwerk (FBH an der Universität zu Köln). Ab 2004 leitete Prof. Esser die Abteilung »Berufliche Bildung« beim Zentralverband des Deutschen Handwerks/des Deutschen Handwerkskammertags (ZDH/DHKT) in Berlin. Seit dem 1. Mai 2011 ist er Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn.

Herr Prof. Esser, im Laufe Ihrer Karriere haben Sie eng mit dem Ehrenamt auf Arbeitnehmerseite zusammengearbeitet. Wie schätzen Sie dieses Engagement der Arbeitnehmerschaft ein?

»Das Ehrenamt ist eine der tragenden Säulen der Selbstorganisation. Das gilt sowohl für die Arbeitnehmer- als auch die Arbeitgeberseite. An meiner bisherigen Zusammenarbeit mit der Arbeitnehmerseite schätze ich ihr uneingeschränktes Interesse und Engagement für die Themen beziehungsweise Herausforderungen der beruflichen Bildung. Meine Erfahrung lehrt mich, dass die berufliche Bildungspolitik gut beraten ist, für die Durchsetzung von Interessen gleichermaßen auf das Engagement der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite zu bauen. Zusammen sind sie in der Berufsbildungspolitik besonders stark, wie insbesondere die für die Berufsbildung erreichten Erfolge bei der Entwicklung und Umsetzung des Europäischen und des Deutschen Qualifikationsrahmens (EQR/DQR) zeigen.«

Warum erfährt man außerhalb der Gremien und Ausschüsse so wenig über den ehrenamtlichen Einsatz?

»Das mag teilweise daran liegen, dass die Sitzungen der Gremien nicht öffentlich sind und die fachliche Arbeit dort eher ‚im Stillen‘ geleistet wird. Zum anderen sind die Ergebnisse scheinbar nicht von so großem Interesse, weil sie keine Schlagzeilen für spektakuläre Meldungen liefern. Aber auch wenn Berufsbildung nicht unbedingt ein ‚Seite-1-Thema‘ ist, so ist die hier geleistete Arbeit doch von unschätzbarem Wert für unsere Wirtschaft und Gesellschaft.«

Was ist das Entscheidende, worauf kommt es an?

»Die Arbeitnehmer/innen bringen ihren Sachverstand ein, ihre beruflichen und persönlichen Erfahrungen aus den Betrieben heraus und vertreten dabei die Interessen der Arbeitnehmerschaft. In gewisser Weise fungieren sie wie Berater und sorgen durch ‚Reibungen‘ für einen positiven Ausgleich.«

Wie und wo haben Sie als Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) mit Ehrenamtsträgern/innen auf der Arbeitnehmerseite zu tun?

»In unseren Gremien im BIBB – zum Beispiel im Hauptausschuss, im Ständigen Unterausschuss, im Unterausschuss Berufsbildungsforschung sowie im Ausschuss für Fragen behinderter Menschen – gibt es den direkten Austausch und die Zusammenarbeit. Darüber hinaus schätze ich auch die Gespräche und Abstimmungen jenseits offizieller Termine, die auf gegenseitiges Vertrauen aufbauen und effizientes Handeln ermöglichen.«

Warum ist das freiwillige Engagement so bedeutsam?

»Zum einen ist die Arbeitnehmerschaft ein wichtiger Teil der Wirtschaft und verfügt über fachliche, berufliche und gesellschaftliche Kompetenzen, die sehr wertvoll und wichtig bei der Gestaltung der Berufsbildung sind. Zum anderen ist die Beteiligung auch ein demokratisches Recht der Mitbestimmung, bei der die Gestaltung der Inhalte für eine qualifizierte Ausbildung, der gesamte Aufgabenbereich der Erstellung und Durchführung von Prüfungen im Vordergrund steht.«

Was verdient den meisten Respekt, wenn es um die Beteiligung in der Selbstverwaltung der Wirtschaft geht?

»Ich habe eine große Achtung vor dem Ehrenamt an sich und insbesondere, weil die hier tätigen Personen viel Freizeit in eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe investieren, bei der nicht die Entlohnung und der materielle Vorteil im Vordergrund stehen, sondern das Engagement und die Begeisterung für die Sache, für die Jugendlichen, für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Weiterbildungen und Prüfungen.«

Welche Motive sind es, die Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler in der Selbstverwaltung der Wirtschaft antreibt?

»Es geht um die Überzeugung, für andere etwas zu tun. Ich glaube, die intrinsische Motivation steht hier im Vordergrund. Es handelt sich um Menschen, die nicht nur reden, sondern selbst mitwirken und gestalten wollen, eben Praktiker, die ihr Tun in den Dienst der Sache stellen.«

Wie geht für Sie der folgende Satz zu Ende: Ehrenamtliche Arbeitnehmer­beteiligung ist …

»… für mich eine zwingende Voraussetzung dafür, dass das duale System der Berufsausbildung auch in Zukunft seinen hohen Anforderungen gerecht werden kann!«

 

Produktionsdatum: 03/2014 | Fotos: WHKT