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Ansichten eines Schiedsrichters

Wie Fußball und Handwerk, Strafvollzug und Ehrenamt zusammenpassen und was ‚Die Ärzte’ damit zu tun haben.

Kurz und Vorweg: der Vorspann

Ralf Noltemeyer, Arbeitnehmervizepräsident der Handwerkskammer in Bielefeld, Schiri-Ausbilder und Unterstützer derjenigen, die sich selbst ins Abseits gekickt haben, die zuerst auf der schiefen Bahn und dann im Jugendstrafvollzug gelandet sind.

In der Kombination Fußball und Berufsausbildung setzt sich Vizepräsident Noltemeyer dafür ein, dass sie eine zweite Chance erhalten und zurück ins Spiel finden. Den Rahmen dieses Engagements bietet die Kombination aus der Initiative ‚Anstoß für ein neues Leben’ der Sepp-Herberger-Stiftung, seine Schiedsrichter-Lizenz und seine Position als Arbeitnehmervertreter der Handwerkskammer.

Im Hauptberuf ist Ralf Noltemeyer Ausbilder im Metallhandwerk bei der Evangelischen Jugendhilfe in Schweicheln. Auch hier kümmert er sich um junge Menschen und auch hier bildet er die aus, die bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz leer ausgegangen sind.

Seine guten Kontakte im Handwerk und Fußball kommen hierbei voll zum Einsatz.

Ralf Noltemeyer, Arbeitnehmervizepräsident der Handwerkskammer in Bielefeld

Treffpunkt Fußballplatz

Der Termin steht. Ort des Geschehens: der Fußballplatz in Schweicheln. Die PKW-Anreise durchs Bielefelder Umland ist vielfältig. Zuerst Stau, dann Regen, später Sonne, Umleitungen von hier nach überall, einmal fast und einmal richtig geblitzt und kurz vor dem Ziel, die Platzsuche. Das Navi? Fehlanzeige. Die Adressen von Fußballplätzen sind gut gehütete Geheimnisse. Nach einer kurzen Umfrage unter der Schweichelner Bevölkerung kommen wir dann aber doch an und treffen ihn höchstpersönlich: Ralf Noltemeyer. Im Schiri-Dress werden wir begrüßt. Knallgelbes Shirt, schwarze Hose, Trillerpfeife am Handgelenk, alles passt, bis auf das Lächeln. Schiris und nett? Das sind wir nicht gewohnt und gespannt auf das was kommt.

Vom Schiedsrichterdasein und dem unperfekten Fußball

Nach einer kurzen Begrüßung, mehr wäre für den gebürtigen Ostwestfalen Zeitverschwendung, geht’s los. Herr Noltemeyer erzählt von seinem Engagement für die Arbeitnehmerschaft im Handwerk, warum er sich für jugendliche Straftäter einsetzt und wie es dazu kam, dass er seine Spielerkluft gegen den Schiri-Dress austauschte. Zuerst zum ‚Spocht’: »Schiri bin ich verletzungsbedingt geworden, die Knie waren Schuld. Und weil ich weder als Trainer, noch als Zuschauer tauge, blieb nur noch der Schiri-Posten«, erklärt Noltemeyer augenzwinkernd. »Irgendwann fing ich dann an, anderen das beizubringen, was ich als Schiedsrichter gelernt habe. Nach und nach wurde mehr daraus und über ein Handwerksprojekt kam ich zur Initiative ‚Anstoß für ein neues Leben’. Das Ziel: Jugendlichen Straftätern über die Kombination von Fußball und Berufsausbildung einen Weg zurück in die Gesellschaft zu bieten.

Ich selbst unterstütze das Projekt, indem ich interessierte Jugendliche zu Schiedsrichtern ausbilde und ihnen helfe, Kontakte zu Betrieben zu knüpfen. Eine zweite Chance, die sie aus meiner Sicht nicht nur verdient haben, sondern bei der sie auch Unterstützung und einen gewissen Halt benötigen.«

Ralf Noltemeyer selbst darf als Schiri bis zur Landesliga pfeifen und Schiri-Prüfungen abnehmen. Über das Schiedsrichterdasein sagt er: »Schiedsrichter ist Mannschaftssport und das versuche ich auch dem Nachwuchs beizubringen. Eine Erfahrung, von der gerade sozial schwierige Jugendliche profitieren. Fußball wird damit zur Therapie und zur Brücke in die Gesellschaft zugleich.«

Welche Qualitäten man hierfür benötigt? »Von Rückschlägen sollte man sich nicht unterkriegen lassen, einen stabilen Charakter sollte man haben, Humor braucht man, eine Liebe zum Fußball sowieso und ein Gefühl für Menschen ist auch nötig. Mit ein paar passenden Worten kommt man meist besser zurecht, als mit irgendwelchen Ermahnungen. Wer die Pfeife und seine Karten braucht, um sich durchzusetzen, hat nicht verstanden, worum es geht.«

Und was ist, wenn man als Schiri mal falsch liegt? »Man muss dazu stehen und den Druck aushalten. Schiedsrichter-Entscheidungen sind Tatsachenentscheidungen. Sie müssen im Moment getroffen werden und gelten unmittelbar. Daran führt kein Weg vorbei. Ansonsten wäre Fußball nicht Fußball. Alle machen Fehler. Die Spieler, die Trainer, die Medien, sogar die Fans. Wäre Fußball perfekt, würde er keinen interessieren.«

1. Halbzeit: Arbeitnehmer­beteiligung im Handwerk

Auch bei dem, was Ralf Noltemeyer als Arbeitnehmer-Vizepräsident der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe so erlebt, ist längst nicht alles perfekt, wie er erzählt. »Eben weil nicht immer alles 100 % läuft, sind wir als Ehrenamtler ja da. Genau dafür machen wir uns in den Gewerkschaften, den Betriebsräten und Arbeitnehmervertretungen der Handwerkskammern stark. Es geht um Fairness, um Sicherheit, um gerechte Löhne und Gehälter, um Förderung von Benachteiligten, um Aus- und Weiterbildung, um Arbeitnehmerfreizügigkeit und Migration und – ganz wesentlich – um Mitbestimmung.«

Als Beispiel für Mitbestimmung und Miteinander nennt Noltemeyer die Vollversammlungen der Handwerkskammern. »Hier wird diskutiert, abgestimmt und entschieden. Das Besondere daran ist«, so der Vizepräsident, »dass wir Arbeitnehmer von vornherein in die Meinungsbildung und Entscheidungsfindung eingebunden sind. Wir gestalten mit.

 »Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt.«

Die Ärzte

Dadurch werden nicht nur die Interessen der Arbeitnehmer von Beginn an berücksichtigt, sondern es ist gleichfalls gewährleistet, dass Konflikte weit im Vorfeld besprochen werden. Im Handwerk haben wir eine Kultur des Miteinanders entwickelt, wie ich sie mir auch in anderen Wirtschafts- und Politikbereichen wünschte. Ein sportlicher Wettkampf mit klaren Regeln und Spielern, die nicht vergessen, dass es um Menschen geht – um Beschäftigte und Familien.«

2. Halbzeit: Das Warum?

Die Gründe, warum sich Ralf Noltemeyer für die Belange der Arbeitnehmerschaft einsetzt und eine Menge Freizeit, Nerven und Herzblut opfert, sind einfach und konsequent. »Ich kann nicht anders«, sagt er ohne Zögern. »Mit 16 habe ich meine Ausbildung zum Metallbauer angefangen und bin der IG-Metall beigetreten. Das gehört für mich zusammen – Arbeiten und Gewerkschaft. Es reicht nicht, sich ständig aufzuregen, man muss auch etwas unternehmen. ‚Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt’, besser als Die Ärzte kann man es kaum auf den Punkt bringen.«

Der Spielbericht

Nach einer guten Stunde sind wir mit dem Gespräch und den Fotos durch. Wir haben einiges über Ralf Noltemeyer, die Bedeutung des Ehrenamts im Handwerk, das Schiedsrichterdasein, die Ärzte  und die Arbeitnehmerschaft erfahren und würden beim nächsten Mal den Bolzplatz der Jugendhilfe in Schweicheln auf Anhieb finden.

Danke, Herr Vizepräsident.

 

Links zum Text: 
www.handwerk-owl.de 
www.ejh-schweicheln.de 
www.sepp-herberger.de 
www.nrw.dgb.de

 

Produktionsdatum: 03/2014 | Fotos: WHKT